Sonntag, 3. November 2013

District Line DJ

Samstag Abend an der Whitechapel Station, London. Winterlicher Wind wehte aus dem U-Bahntunnel auf den Bahnsteig, wo die frierenden Partygänger auf die letzte District Line nach Richmond warteten. Zwischen Winterjacken und Feinstrumpfhosen tauchte auch das eine oder andere Halloweenkostüm auf.
Die District Line rumpelte heran, die Leute ließen sich in die zerschlissenen Sitze fallen. Im vordersten Waggon war es am vollsten; eine Gruppe als Katzen, Milchshakes und Vampire verkleideter junger Leute hatte sich nahe der Fahrerkabine niedergelassen und reichte unter lautem Gelächter eine PET-Flasche herum.
Als der Zug anrollte, fingen sie an zu singen. "Tell me why - ain't nothing but a heartache, tell me why - ain't nothing but a mistake, tell me why - I never wanna hear you say ..." Zum Ende des Refrains waren sie lauter geworden, jetzt grölten sie alle gemeinsam: "I waaaant it thaaaaaat way!"
"Shut up!", drang der genervte Ruf aus der Fahrerkabine.
"Hey, District Line DJ!", rief einer der Jungs zurück, dessen Katzenschminke schon etwas verwischt war. Die anderen stimmten mit ein und sie entwarfen spontan eine Melodie. "Heeey, District Line Deeeeeejaaay!"
"It's your choice!", sagten sie laut, "what should we sing next?"
Da der Fahrer keine Antwort gab, wandten sie sich an die übrigen Fahrgäste. Einer schlug etwas vor.
"I believe I can flyyyyyy. I belieeeeve I can touch the sky. I think about it every niiiight and day, spread my wings and flyyyyy away ..." Eine junge Frau hielt sich die Ohren zu. Die meisten anderen konnten sich das Grinsen nicht verkneifen.
Eine Weile war es still, dann hatte jemand eine neue Idee: "My loneliness is killing me aaaaand Iiiii", sang die Meute, "I must confess, I still believe ..."
"Still believe", kam das spontane Solo von einem anderen Fahrgast in besonders hoher Stimme.
"When I'm not with you I lose my mind, give me a siiiiiiiiign. HIT ME BABY ONE MORE TIME!"
Einige Partygänger verabschiedeten sich lachend an der nächsten Station und stiegen aus. Die übrig gebliebene Gruppe ließ weiter die Popmusik der 90er Jahre aufleben. Der District Line DJ äußerte jedoch bis zum Ende der Fahrt keinen Musikwunsch.

Dienstag, 29. Oktober 2013

"Charlie! Stop it!"

Die junge Mutter mit den dunkelbraunen, aufwendig frisierten Haaren fuhr nachlässig mit ihrem rechten Daumen über das Display ihres Smartphones, um die neusten Facebookupdates ihrer Freunde zu lesen. Ihre Tochter saß auf der anderen Seite des Busses neben einer Freundin ihrer Mutter, einer übergewichtigen schwarzen Frau in Jogginganzug mit blondgefärbten Locken. Vor den Sitzen der beiden, in der Mitte des Busses, war der Kinderwagen mit dem kleinen Sohn der dunkelhaarigen Frau festgemacht und weiter vorn im Bus saßen die beiden Kinder der schwarzen Frau.
Der Bus kämpfte sich durch den abendlichen Verkehr auf der Hauptstraße, die Fahrgäste beschäftigten sich mit ihren Handys, Büchern oder der Musik aus ihren Kopfhörern. Der kleine Junge im Kinderwagen begann sich zu langweilen und drückte auf den blauen viereckigen Knopf vor sich an der Wand. Es klingelte vorn beim Busfahrer und das Zeichen "Stopping" leuchtete rot auf. Der Junge beugte sich eifrig nach vorn und drückte noch ein paar Mal auf den Knopf.
"Please stop pushing that button", rief der Busfahrer nach hinten. Die Mutter sah auf und rief: "Charlie! Stop it!" Da der Junge immer noch seinen Zeigefinger ausgestreckt hatte, stand sie auf, zwängte sich an den stehenden Passagieren vorbei und gab ihm einen Klaps auf den Arm. "Leave it."
Sie setzte sich wieder hin und unterhielt sich mit ihrer Freundin. Die kleine Tochter der dunkelhaarigen Frau, ebenfalls gelangweilt, begann nun ihren Bruder zu ermuntern, indem sie das klingelnde Geräusch nachahmte, das der Knopfdruck auslöste. Mit einem gezielten Strecken des Arms hieb der Junge erneut auf den Knopf und das Signal leuchtete wieder auf.
"Charlie!"
An der nächsten Haltestelle stiegen noch mehr Leute ein. Es war jetzt fast unmöglich, sich zu bewegen; der Bus jaulte und das Mädchen sang "La la la" vor sich hin. Eine Frau seufzte.
Charlie näherte seinen Finger wie in Zeitlupe dem blauen Knopf und gab ihm einen kleinen Schubs.
"If you want to stay on this bus, stop pushing that button", kam es vom Busfahrer. Charlies Mutter stand auf und zwängte sich durch die stehenden Berufspendler zum Kinderwagen; gerade noch rechtzeitig, bevor Charlie ein weiteres Mal das Klingeln auslöste. "Stop it now! I don't want to quarrel with the driver."
Ihre Freundin zitierte ihren Sohn, der ganz vorne saß, zum Kinderwagen. Er stellte sich zwischen Charlie und den verlockenden farbigen Punkt, während er die letzte Schokokugel aus einer Schachtel Süßigkeiten aß.
Charlie ließ von dem Knopf ab und steckte stattdessen seine Hand in die Packung. Seine Mutter setzte sich zurück auf ihren Platz und konnte ihrer Freundin endlich die Videos zeigen, die andere Leute auf Facebook gepostet hatten. Die schwarze Frau lachte laut über zwei Jungs, die ihre Tanzfähigkeiten unfreiwillig einem Publikum vorstellten, und anschließend über einen jungen Mann, der sich mit einigen "Fuck"s darüber beschwerte, dass seine Friseurin ihm die Haare so kurz geschnitten hatte.
"Mommy, I wanna see!", rief Charlies Schwester. Ihre Mutter hörte sie nicht, sondern rief stattdessen das nächste Video auf.
"I wanna see!"
Die beiden Frauen lachten jetzt über Nahaufnahmen von wackelnden Hintern in Unterhosen zu Technomusik. Ausgerechnet jetzt erhörte die Mutter die Bitte der Kleinen und hielt ihr das Video hin. Das Mädchen konnte mit den Aufnahmen nichts anfangen und drehte sich weg, aber die Mutter hatte das Handy sowieso schon wieder an sich genommen, um ihrer Freundin etwas anderes zu zeigen.
"Are you alright?", fragte diese und drehte sich der Kleinen zu.
"No!"
Ihre Mutter scrollte indessen weiter durch Statusupdates, ohne zu bemerken, dass sie den einzigen freien Sitzplatz im Bus neben sich am Fenster blockierte.
"Mommy, we're almost home!", versuchte Charlies Schwester nach einer Weile noch einmal die Aufmerksamkeit ihrer Mutter zu erlangen. Als Antwort bekam sie eine kleine Tüte Chips von der Freundin ihrer Mutter, die sie gleichgültig leerte, während ihr Bruder mit der Süßigkeitenpackung spielte.
"This is so funny", sagte Charlies Mutter zu ihrer Freundin und hielt ihr das Handy hin, nachdem sie die Lautstärke hochgedreht hatte, "the first time I was watching it I couldn't even believe this guy was actually doing this ..."

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Life On Five Inches

Für die neue Generation ist der Augenblick nichts anderes als eine zukünftige Erinnerung.
















"Thor - The Dark World" Weltpremiere, Leicester Square, London

Montag, 7. Oktober 2013

"Keep Smiling!"

"The next station is Richmond, where this train terminates", sagte die freundliche Frauenstimme. "Please take all your personal belongings with you when you leave the train. All change please."
Die übriggebliebenen Fahrgäste erhoben sich träge aus den weichen Sitzen und schulterten ihre Taschen. Es knackte im Lautsprecher und der Fahrer meldete sich zu Wort, während die District Line langsam in den Kopfbahnhof einfuhr.
"Please make sure to take all your belongings with you", wiederholte er in routiniertem Durchsagen-Singsang, "and remember: Keep smiling. It's a lovely day today and there are hundreds of reasons, so be happy and just keep smiling."
Und alle Gesichter im Waggon erstrahlten. Ein fröhliches Lachen ging durch die Menge und als sich die Türen öffneten, strömte es auf den Bahnsteig in die Sonne.

Montag, 2. September 2013

The Art of Veganism, Pt. 2





"Vor allem gehört jedoch zu einer veganen Ernährung: Wieder mehr selbst zu kochen. Sich über die Zusammenhänge zwischen Ernährung und Gesundheit und über die Lebensmittelkreisläufe zu informieren. Auf Inhalts- und Zusatzsstoffe zu achten, auf Fertiggerichte zu verzichten und die nötigen Nahrungsmittelkombinationen für eine gesunde Gesamtbilanz zu kennen."
Ruth Schneeberger für die Süddeutsche Zeitung

Teil 1