Dienstag, 16. Oktober 2012

Heldentat

Auf dem regennassen Bahnsteig standen sich zwei Grüppchen von zehnjährigen Jungs gegenüber. Um sie herum lagen Blumen und Teile eines Strauchs verteilt, Spuckflecken pflasterten den Boden. Die Jungs tänzelten umeinander und versuchten sich gegenseitig anzuspucken, zwischendurch rissen sie weitere Blumen aus den Steinkübeln und stopften sich die bunten Blütenblätter in die Kapuzen.
Ein Dutzend winterlich gekleideter Wanderer standen unter dem Glasdach des Wartehäuschens und einer von ihnen wurde auf die Jungs aufmerksam. Mit seiner Frau im Schlepptau ging er zu ihnen hinüber.
"Wer war das hier?", rief der Mann und die Jungs blieben stehen. Plötzlich hatte keiner mehr Pflanzenteile in der Hand.
"Die warn das!", rief einer mit schwarzrandiger Plastikbrille und einer Basecap. "Wir warn des nich."
"Was soll denn das?", fragte die Frau und die Jungs sahen entweder in eine andere Richtung oder gestikulierten zu den anderen, die so taten, als gehörten sie nicht dazu.
"Die ham uns das in die Kapuzen gestopft!", beklagte sich einer.
"Ja, vor allem, du hasch des auch gemacht", sagte ein anderer.
Mehrere Wanderer hatten sich inzwischen zu der Auseinandersetzung gesellt.
"Die ganzen Leute da drüben, die kucken einfach zu und machen gar nix." Eine der Frauen deutete auf die wartenden Fahrgäste jenseits der Blumenkübel. "Das geht wirklich nicht."
"Haltet ihr das für eine Heldentat?" Ein Mann mit großem Rucksack hatte sich vor den Jungs aufgebaut. Sie antworteten nicht, begannen aber, die Blumenreste einzusammeln und achtlos zurück in den Kübel zu werfen, auch wenn sie sich dabei beschwerten. "Wir waren des nich. Wir müssen nix zugeben, was wir nich waren."
"Das sind doch keine kleinen Kinder mehr", sagte eine Frau zur anderen. "Da muss man was machen. Da muss man ..." Sie ließ den Satz unvollendet, während die Jungs sich längst in alle Winde zerstreut hatten.