Mittwoch, 27. Juni 2012

Bahnreisende, Typ 6: Grundschüler auf Ausflug

Zwischen die morgendlichen Zur-Arbeit- und Zur-Uni-Fahrer hatte sich eine Grundschulklasse gemischt. Vier Mädchen saßen zusammen in einem Sitzblock, die eine hatte ihre Schuhe ausgezogen und die Füße auf dem Schoß der anderen platziert. Alle trugen robuste Kleidung und hatten Rucksäcke bei sich, aus denen Wegproviant lugte. Eines der Mädchen hatte sich mit Filzstiften eine Italienflagge auf den Arm gemalt, ein anderes trug grünen Glitzernagellack. Da es morgens noch recht still in den Bahnen ist, wirkte die Musik aus dem Handy, das eine von ihnen auf der kleinen Ablage platziert hatte, besonders laut.
So richtig einig, welches Lied sie hören wollten, waren sich die Mädchen nicht, nach einer halben Minute drückte stets eine von ihnen das aktuelle weg und ein neues ertönte aus dem dumpfen Handylautsprecher, allesamt aktuelle Hits aus Radio und Club. Während sie aus dem Fenster sahen oder in ihren Rucksäcken wühlten, sangen sie die englischen Liedtexte wie selbstverständlich mit.
"Ihr müsst aber auch richtig laut mitsingen", sagte eine.
"Geht das Handy nicht lauter?"
"Nee."
"I got a hangover", sangen sie vor sich hin, "I've been drinking too much for sure."
Ein Mann in Anzug, der seinen Aktenkoffer neben sich gestellt und bisher vergeblich versucht hatte, sich auf seinen Text über den gesetzlichen Mindestlohn zu konzentrieren, warf ihnen mehrmals Blicke zu. 
"And I can drink until I throw up, hey", sangen die Mädels, von denen hoffentlich keine jemals eine Bierflasche auch nur in der Hand gehalten hat, unbeirrt.
Schließlich drehte sich der Mann zu ihnen um. "Könnt ihr euer Gerät bitte abstellen?"
Es dauerte eine Weile, bis das tatsächlich passierte, offenbar war den Mädchen nicht ganz klar, wie sie die Musik ausstellen konnten. Stille trat ein.
"Komm, wir spielen Doodle Jump", schlug eine vor und die drei übrigen beugten sich mit ihr über das Handy.

Mittwoch, 6. Juni 2012

Bahnreisende, Typ 5: Die Partylöwen

Lärmend und mit einer gewissen Selbstverständlichkeit nahm ein Dutzend junger Männer die Bahn in Beschlag. Sie waren allesamt solariengebräunt und trugen sportlich-elegante Kleidung. Jeder von ihnen hielt ein anderes Mixgetränk in der Hand, und während sie sich breitbeinig auf die Sitze fallen ließen, reichten sie die Flaschen herum.
"Ey", sagte ein großer Junge mit grauem Cardigan und versuchte, sich zwischen den lauten Unterhaltungen bemerkbar zu machen. "Ey", er streckte seine Arme mit gespreizten Händen von sich und senkte bedeutsam den Kopf, um anzudeuten, dass er etwas Wichtiges zu sagen hatte.
"Letztes Wochenende. Ich war so. geisteskrank. voll.", sprach er bedächtig. Die anderen klopften ihm in gespieltem Mitleid auf die Schulter.
"Ey, ohne Scheiß, der Assi hier", er zeigte auf seinen blonden Sitznachbarn, der grinste, "war der Schlechteste beim Paintball, und der geht zur Bundeswehr."
"Echt jetzt?"
"Ja, Mann."
Die meisten hörten schon nicht mehr zu, einer versuchte, während der Fahrt Wodka in eine Colaflasche zu füllen, einige begrüßten einen Freund, der gerade eingestiegen war.
"Wenn du einem Iraker in den Kopf schießt, schreib mir 'ne SMS", sagte der große zu dem blonden. Die zwei, die bei ihm saßen, lachten.
"Oder nein, noch besser, schick mir 'n Foto. Wie geil wär das, wenn ich so'n Foto bekomm von so'nem hässlichen Iraker, dem du in'n Kopf geschossen hast."
"Ey, hier, probier mal", ein anderer kam zu ihnen und hielt dem Großen eine Flasche hin. "Du bist doch hier der Experte."
Er trank und verzog das Gesicht. "Alter, des is purer Wodka, des schmeckt doch nich."

Sonntag, 3. Juni 2012

Überfordert

Bisher war es im Bus ruhig gewesen. Zur späten nachmittaglichen Stunde saßen wie gewöhnlich nur eine Handvoll Jugendliche und ein älteres Ehepaar im Wagen verteilt.
Als sich nun die Tür öffnete, veränderte sich die Atmosphäre schlagartig. Ein großer Kinderwagen schob sich hinein, ihm folgten eine junge Spanierin mit zwei kleinen Jungen und ihrem Mann, der ein noch kleineres Mädchen auf dem Arm trug.
Die beiden Jungen stürmten an ihrer Mutter vorbei und belagerten den Platz, an dem sie den Kinderwagen hatte abstellen wollen. Nach ein paar ungehaltenen Worten machten sie Platz und wechselten zwischen den freien Sitzen hin und her. Der Vater setzte sich neben die Mutter zum Kinderwagen und legte das kleine Mädchen zurück in den Kinderwagen.
Einer der Jungen zückte ein kleines Gerät aus seiner Hosentasche, während er die Anweisungen seiner Mutter, sich zu setzen, gekonnt ignorierte. Das Gerät war ein elektronischer Diebstahlschutz für Schlüsselbund oder Ähnliches. Entfernte man den Teil mit dem Haken vom Rest der Vorrichtung, gab das Gerät durchdringende Töne von sich.
Der Junge schien das Konzept genau zu kennen, zielstrebig trennte er beide Teile voneinander und löste die Geräusche aus, die das ältere Ehepaar zusammenzucken und einen Teenager seine Kopfhörer fester auf die Ohren pressen ließen.
Mutter und Vater riefen ihm gleichzeitig etwas zu, was unter dem Lärm kaum zu hören war. Der Vater schnappte nach dem Gerät, aber der Junge entwischte ihm. Er steckte das runde Plastikgerät wieder zusammen, nur um es wenige Sekunden später erneut auseinander zu nehmen. Dem kleinen Mädchen im Kinderwagen gefielen die Geräusche ebenso wenig wie den übrigen Anwesenden, sodass es in lautes Weinen ausbrach. Der andere Junge war inzwischen beleidigt, weil sein großer Bruder das spannende Teil hatte und er nicht, und er trat nach dem anderen.
Die Mutter versuchte, den Lärm zu ignorieren, und strich dem kleinen Mädchen über die Stirn. Der Vater nahm dem älteren Jungen den Diebstahlschutz ab, woraufhin der Junge aufschrie und nach ihm schlug. Schließlich landete das Gerät wieder in den Händen des Jungen.
Der Bus war währenddessen an der nächsten Haltestelle angelangt. Die Tür öffnete sich und eine Frau stieg ein. Der Vater, der sich offensichtlich nicht anders zu helfen wusste, riss dem Jungen das Gerät aus der Hand und warf es in hohem Bogen aus der Tür, die sich bereits wieder schloss. Fassungslos starrte die gerade eingestiegene Frau ihn an. Der Junge warf sich beleidigt auf den nächsten Sitz, das kleine Mädchen weinte noch immer angestrengt und der kleinere Bruder starrte aus dem Fenster.

Strawberries