Mittwoch, 25. Januar 2012

Bahnreisende, Typ 2: Die Einsamen

Der alte Mann war schmal und trug eine Plastiktüte mit sich herum. "Wir lebe doch nimmer im dritte Reich, wo se die Leut einfach weggschafft habe!" Er suchte sich einen Sitzplatz und gestikulierte, während er sprach, ohne jemanden anzusehen. "Aber die Merkel muss weg. Es isch einfach Zeit." Er zog einige Papiere aus der Tüte und sah auf einen handgeschriebenen Brief. "'An den Petitionsausschuss des Bundestages! Frau Merkel muss mit sofortiger Wirkung abgesetzt werden.' Un dann schreibt mir der hier ...", er schob den Brief nach hinten und betrachtete ein amtliches Schreiben, "'Die Landesparlemente ...' Ach Gott, ach Gott. Und hier ... Oh Lieber! Die ghöre alle abgschafft, in Stuttgart, da hocke noch die Stasi-Leut, aber des intressiert keinen." Eine Weile murmelte er vor sich hin. "Wie da, Neuneachzig, am elfte November ... Der Feiertag isch am dritte Oktober, am Todestag vom Strauß. Als ich dem des gschriebe hab, da hab ich gwusst, 's geht nimmer lang, un recht hab ich ghabt." Er klatschte in die Hände. "Siegscht, was ich alles gschafft hab! ... Des wär ja au alles anerschd gewese, wenn ich jemand ghabt hätt. Aber ich mach mei Wäsch ganz allei und ess mittags in da Mensa, weil mir keiner kocht. Un in meinem Haus, da kann man net koche, da herrscht Krieg! So, die nägschd muss ich raus, kurz mei Zeug hochbringe, dann geht's wieder los ..."

'Schlecht gelaunt oder was?'

Der Waggon war nur spärlich besetzt. Ein paar Studenten beugten sich über ihre Bücher, eine ältere Frau las einen Roman. Die Tür öffnete sich und eine junge Frau mit großem Rucksack kam herein. Während sie sich  niederließ, sprach sie lautstark in ihr Handy. Die lesende Frau nebenan blickte ungnädig auf und widmete sich wieder seufzend ihrem Buch. Völlig in das Gespräch versunken quatschte die Rucksackträgerin mit ihrem fernen Gesprächspartner.
"Geht das vielleicht auch leiser da vorne?", rief plötzlich eine Stimme aus dem hinteren Teil des Waggons.
Es dauerte eine Weile, bis die telefonierende Frau bemerkte, dass sie gemeint war.
"Geht das vielleicht auch freundlicher?", rief sie zurück.
"Nein."
Mit dem Handy am Ohr starrte sie den Studenten an. "Schlecht gelaunt oder was?"
"Ja, ehrlich gesagt schon."
"Ja, wenn ich Sie sehe, bin ich's auch."
"Oh, danke!"
"Ach, Klappe." Sie nahm ihr Gespräch wieder auf und schien nicht zu bemerken, dass einige Fahrgäste einen Lachanfall bekommen hatten.

Mittwoch, 4. Januar 2012

'Da gibt's viele Themen ...'

"Ich wüsste gar nich, was ich meinem Freund den ganzen Tag schreiben soll", sagte die eine und blickte ihrer Freundin beim Tippen über die Schulter.
"Och, da gibt's viele Themen." Sie überlegte. "Wobei ... eigentlich schreibe ich ihm die ganze Zeit nur Smileys."