Mittwoch, 14. Dezember 2011

Ruhigstellen

Am Hauptbahnhof drängten sich die Menschen in die Bahn. Ein älterer Mann mit Rucksack erregte Aufmerksamkeit, indem er sich schreiend mit einer jüngeren Frau unterhielt, die sich neben ihn setzte.
"Aber was ist die Ruhestörung?", rief er aufgeregt, "was ist die ... Definition?" Er sprach jedes Wort bedacht und deutlich aus. Das laute Reden strengte ihn an. Seine Sitznachbarin antwortete ihm leise.
Als die Bahn losgefahren war, stand eine Frau mit Einkaufskorb auf und klopfte an die Scheibe zur Fahrerkabine.
"Entschuldigung, könnten Sie diesen Mann bitte polizeilich abführen lassen? Der belästigt die Fahrgäste."
Was der Fahrer erwiderte, konnte man nicht verstehen, aber eine Studentin musterte die Frau zweifelnd und sagte: "Der Mann ist geistig behindert, er hat eine Pflegerin dabei."
"Aber das geht doch nicht", sagte die Frau an die Studentin gewandt, "das ist ja eine Zumutung für die Öffentlichkeit."
"Wie bitte?"
"Da muss man was unternehmen."
"Sie meinen ruhigstellen?" Die Studentin funkelte die Frau an. "Ja, klar, ist ja auch das Einfachste, schön mit Medikamenten vollpumpen, dann hat man keine Probleme mehr."
Die Frau blickte sie ungerührt an. "Ich komme aus der Medizin, ich weiß, wie das gehört. Solche Leute lässt man nicht auf die Straße."
"Mhm, alles klar", sagte die Studentin sarkastisch und starrte wütend aus dem Fenster. Die Frau murmelte noch eine Weile vor sich hin, aber alle hatten sich abgewandt. Nur noch die laute Stimme des Mannes war im Abteil zu hören.
Als die Frau aufstand, um auszusteigen, klopfte sie noch einmal an der Fahrerkabine.
"Sie müssen den Mann doch nicht abholen lassen, er hat eine Pflegerin dabei."
Sie stieg die Stufe hinab und trat durch die Türen, die sich zischend öffneten. Die Studentin sah ihr kopfschüttelnd und verärgert nach.