Montag, 14. März 2011

Am Fahrkartenautomaten

Reist man viel mit der Bahn, dann begegnen einem häufig Leute unterschiedlichsten Alters, die sich auffällig lange am Fahrkartenautomaten aufhalten. Wenn sie eingestiegen sind, bewegen sie sich gemächlich darauf zu. Sie lassen anderen dabei gerne den Vortritt. Mit scheinbar konzentriertem Blick drücken sie, wenn die Schlange sich aufgelöst hat, langsam ein paar Tasten, dann wandert ihr Finger zielstrebig auf den roten Knopf mit der Beschriftung 'Abbruch'. Erneut wählen sie auf dem Bildschirm eine Karte aus und wieder drücken sie auf Rot. Zwischendurch sehen sie sich im Waggon um, als suchten sie jemanden, dann wenden sie sich wieder dem Automaten zu. Nach einiger Zeit, in der dieses Spiel unverändert fortgeführt wird, steigen sie schließlich aus.
Meistens reicht den erfahrenen Mitreisenden ein einziger Blick, um sie zu erkennen: Im Vergleich zu denen, die tatsächlich eine Fahrkarte kaufen wollen, nehmen diese Leute nämlich gar nicht ihren Geldbeutel heraus.

Das Tagebuch

"Ich weiß nicht", sagte das Mädchen unsicher und zwirbelte eine dunkle Haarsträhne um ihren Finger.
"Doch, das funktioniert", bekräftigte ihre blonde Freundin, und eine andere nickte eifrig. Die drei etwa zehnjährigen Mädchen hatten sich in eine Ecke des Waggons zurückgezogen und sich einander verschwörerisch zugewandt, während Leute um sie herum aus- und einstiegen.
"Schau, du  muss das so machen", sagte das blonde Mädchen. "Du nimmt dein Tagebuch, und dann schreibst du da rein, dass du ihn magst", das dunkelhaarige Mädchen protestierte, "warte, und dann legst du das Tagebuch in seinen Schulranzen, wenn er nicht hinkuckt, und dann liest er es und dann weiß er's."
"Das ist voll die gute Idee!", flüsterte die andere Freundin. 
Das dunkelhaarige Mädchen blickte sie skeptisch an. "Aber der liest das bestimmt nicht. Wenn er das Tagebuch in seinem Schulranzen findet, dann schaut er, wem es gehört, und gibt es mir zurück."
Ihre Freundinnen schüttelten den Kopf. "Ich glaube, der liest es."
"Na ja", sagte das dunkelhaarige Mädchen nachdenklich, "aufschreiben ist immerhin besser, als es ihm zu sagen."
"Genau", sagten die Freundinnen. Die drei erhoben sich und gingen zur Tür.
"Mach das einfach so, das ist überhaupt nicht schlimm."
Das dunkelhaarige Mädchen sah unsicher aus, aber die beiden Freundinnen schienen zufrieden. Die Fahrgäste, die das Gespräch mitangehört hatten, verkniffen sich ein Lächeln.

Konstanzer Frühling

Montag, 7. März 2011

Karlsruher Frühling

Mh.

"Heute in der Schule waren voll viele verkleidet", sagte der Junge. Er war etwa zehn Jahre alt und steckte selbst in einem Kostüm, das eine bunte Mischung aus Armeekleidung und Abenteurerausrüstung darstellte.
"Mh."
"Zum Beispiel der Thomas, der war als Arzt verkleidet."
Pause.
"Und der Albin, der war ein Cowboy."
"Mh."
"Und der Benjamin war sogar ein Ritter!"
"Mh."
"Ich find es total cool, sich zu verkleiden. Das macht voll Spaß!"
Schließlich schwieg der Junge und sah nur noch aus dem Fenster. Seine etwa sechzehnjährige Schwester in Lackleggins und Joggingjacke hatte während seiner Erzählungen nicht ein einziges Mal von ihrem pinken Handy aufgesehen.

Frühsport

Nachdem die Zugbegleiterin bereits zur Abfahrt gepfiffen hatte, stürzte ein älteres Ehepaar keuchen und lachend ins Abteil. "Ach Gott", pustete die Frau, "grade noch!"
"Ja, das war jetzt ein Spurt!"
"Aber da stand ja auch kein Hinweis", sagte die Frau, während sie sich in den Sitz fallen ließ. "Wer sollte denn wissen, dass hinter dem Zug noch ein anderer Zug steht?"
"Zum Glück bist du noch zu der Service-Dame hingegangen", ergänzte der Mann fröhlich.
"Ja, das war unser Glück." Sie sahen sich an und lachten erneut.
"Hach, war das jetzt ein super Erlebnis", sagte die Frau.
"Ein bisschen Frühsport, herrlich", stimmte ihr Mann zu.
Ich lächelte. Selten, so eine positive Sicht.
"Ganz so alt sind wir doch noch nicht", sagte die Frau abschließend, bevor sich die beiden vergnügt und erschöpft in ihre Sitze lehnten und nach draußen sahen.