Montag, 24. Januar 2011

Reaktionen

Auch wenn die Leute immer wieder so tun, man kann bei Gesprächen in der Bahn nicht weghören. Außer, man hat etwas zu tun, liest ein Buch oder hört Musik. Diejenigen, die einfach vor sich hinstarren und warten, bis ihre Haltestelle kommt, wirken häufig (absichtlich oder unabsichtlich), als wären sie völlig in sich versunken. Selbst wenn sie unmittelbar neben einem sich streitenden Pärchen sitzen, geben sie vor, nichts mitzubekommen. Das kann aus Höflichkeit sein oder aus dem Wunsch, gelassen zu wirken, möglichst nicht aufzufallen, wie es die meisten Menschen oft anstreben. 
Doch manchmal können sie gar nicht anders, als zu reagieren. Die ältere Frau zum Beispiel, die mit drei kleinen Schuljungen in einer Sitzgruppe saß. Die Jungs unterhielten sich über Internetgeschichten und es war offensichtlich, dass ihre Sitznachbarin davon nichts verstand, aber die Jungs lachten so schallend, dass die Frau jedes Mal angesteckt wurde. Man sah deutlich, wie sie versuchte, ihre Lippen aufeinander zu pressen, damit die Jungen es nicht bemerkten, aber es gelang ihr nicht, das Lachen zurückzuhalten. Den Jungs wiederum fiel das gar nicht auf. Mehrere Haltestellen saß sie dort und lachte einfach mit.
Es gibt aber auch ganz bewusste Reaktionen. Zwei Frauen, die gerade vom Einkaufen kamen und müde ihre Taschen vor sich auf den Boden stellten, gerieten in eine Sitzgruppe mit zwei Studenten. Der eine berichtete von seiner Physikvorlesung und während er den Inhalt noch einmal rekapitulierte, verdrehten die Frauen schamlos die Augen und sahen sich verständnislos grinsend an, da sie den Studenten ganz offensichtlich für einen Angeber hielten.
Es gibt noch andere Reaktionen zu beobachten, aber sie alle haben die gleiche Bedeutung: Das Leben völlig fremder Menschen verbindet sich für einen Augenblick, manchmal nur den Bruchteil einer Sekunde. Hier ist der Einfluss eines jeden auf den anderen sehr deutlich sichtbar.

Donnerstag, 20. Januar 2011

Sehen

Die lauten Stimmen der Kinder drangen mir bereits entgegen, als ich einstieg. Zwischen den älteren Leuten, den Menschen auf dem Weg zur Arbeit und einigen Studenten saßen die kleinen Jungen und Mädchen in Winterkleidung, bei ihnen zwei Kindergärtnerinnen.
"Setzt euch bitte hin", sagte die ältere Kindergärtnerin, weil die Kinder aufgestanden waren, um zu sehen, welche Züge in den Bahnhof fuhren. Sie sprangen widerwillig zurück auf ihre Sitze und sahen weiter nach draußen.
"Da, ein ICE!" Aufgeregt drückten sie ihre Brillen fester auf ihre Augen.
Drei Jungen griffen nach den verstellbaren Armlehnen. "Los, drück das Gas, sonst fahren wir nicht schneller!", rief einer dem anderen zu. Der Junge verschob die Armlehne und sie gaben Motorgeräusche von sich.
"Was hast du zum Essen dabei?", fragte ein Kind in der gegenüberliegenden Reihe.
"Ich hab einen Apfel dabei."
"Ich hab Apfel und noch ein Brot."
"Ja, ich hab auch noch ein Brot, sogar mit Salami!"
Sie inspizierten ihr Proviant, während die anderen weiter ICE spielten.
Ein Mädchen saß den Erzieherinnen gegenüber. Im Laufe der Fahrt rutschte sie immer tiefer, sodass sie fast aus dem Sitz fiel. Sie steckte in einer pinken Jacke und der gerade geschnittene Pony endete direkt über ihren Augen.
"Und was ist mit dir?", fragte die Erzieherin.
"Mir ist langweilig", sagte das Mädchen und ihr Blick streifte die Fahrgäste, die mittlerweile amüsiert den Jungen bei ihrem ICE-Spiel lauschten, die anderen Kinder, die Landschaft draußen, ohne an etwas hängen zu bleiben. 
Eine ältere Frau hatte zugehört und hob verblüfft ihre Augenbrauen, als wollte sie sagen: "Aber es gibt doch so viel zu sehen!" Aber es hätte wohl nichts genutzt, ihr das zu sagen. Es scheint immer mehr Kinder zu geben, die das gar nicht mehr lernen. Sehen.

Saukalt

Das Mädchen trug eine lila Winterjacke. Ihre krausen, dunklen Haare waren mit viel Haarspray geglättet worden. Hinter der Brille konnte man buntes Make-up erkennen. Sie stand an der Tür und drückte auf den Knopf, während sie in ihr Handy sprach. "Is ja saukalt draußen, bäh, und jetzt auch noch Regen", sie zog die Nase hoch, "Mann, jetzt halt an!"
Die Bahn fuhr um eine Kurve und wurde langsamer.
"Morgen wieder so früh aufstehen, ich habe gar keine Lust. Um fünf! Blöde Arbeit. Oh Mann, Tür, geh' auf!"
Sie verabschiedete sich nicht von ihrem Gesprächspartner, deshalb bemerkte ich erst nach einer Weile, dass sie das Handy in die Tasche gesteckt hatte, während sie weiterredete.
"Saukalt", sie zog die Nase hoch. "Um fünf! Mann, wie lang dauert das noch? Ich will jetzt raus."
Die Tür öffnete sich. "Endlich, ey." Sie stieg aus und entfernte sich, während sie weitersprach.
Ich hätte innerlich gegrinst und mir vorgestellt, dass sie gar nicht gemerkt hatte, dass ihr Telefongespräch zuende war, wenn sie nicht so traurig und verlassen gewirkt hätte.

Montag, 3. Januar 2011

Cool Cats


Selbstgenähtes Weihnachtsgeschenk. Hier gibt es das Schnittmuster zu bestellen (auf Englisch). Empfehlenswerte Tätigkeit für verschneite Tee-und-Wolldecken-Wintertage.