Freitag, 24. Dezember 2010

Coffee and Tea



Behind the scenes




Das Fensterbild

"So, setzt euch bitte alle hier hin", rief die junge Frau laut. Die alten Menschen, die ihr folgten, nickten und suchten sich Plätze. Ein Mann mit grauen, zerzausten Haaren setzte sich langsam neben mich. Die junge Frau wartete, bis alle saßen. Die Bahn rollte wieder an.
"Da hinten ist eine Toilette", sagte sie, "also wenn jemand muss, sagt mir bitte Bescheid, okay?"
Die alten Menschen nickten. Die junge Frau trat zu dem Mann, der neben mir saß.
"Du wolltest mir doch zeigen, was du gekauft hast", sagte sie zu ihm.
Der alte Mann nickte und wühlte in seinem Rucksack. "Da", sagte er langsam und nahm eine Tüte heraus.
"Soll ich dir helfen?", fragte die Frau.
Er nickte und sie öffnete die Tüte für ihn.
"Oh, das ist aber schön", sagte die junge Frau und nahm das hölzerne Fensterbild heraus. Es war ein Weihnachtsmotiv.
Der Mann zeigte auf die Rückseite. "Da ... Licht dran", sagte er undeutlich.
"Ach, da kann man Batterien reinmachen und dann wird das beleuchtet", sagte die Frau, "das ist ja raffiniert."
Sie besah sich das Fensterbild von allen Seiten.
"Willst du's wieder einpacken?"
Der Mann nickte und gemeinsam wickelten sie das Fensterbild wieder in die Tüte.
"Ich setzte mich jetzt wieder da vorne hin, in Ordnung?" Der Mann nickte.
In der Bahn war es mittlerweile sehr still geworden. Alle beobachteten die alten Menschen, die aus dem Fenster sahen. Die jungen Leute stießen sich gelegentlich an, manche wandten den Blick auch ab. Die älteren Fahrgäste dagegen sahen die Gruppe der alten Menschen ruhig an. Auch wenn es auf den ersten Blick so aussah, als hätten diese Reaktionen nichts miteinander gemeinsam, war es doch beides die Konsequenz aus einer Befürchtung, die alle Fahrgäste befiel. Die Befürchtung, früher oder später selbst einmal an der Stelle dieser alten Menschen zu sitzen.

Montag, 20. Dezember 2010

Providing for winter

a short glance at little ones expecting the cold months.
 

Sprechen

Am Hauptbahnhof drängten die Menschen in die Bahn. Gegenüber von mir nahm eine stark geschminkte Frau Platz. Neben ihr setzte sich eine alte Frau ans Fenster. Während wir die nächste Haltestelle ansteuerten, blickte die alte Frau hin und wieder befremdet auf ihre Nachbarin, die immer wieder sprach. Aber mit wem?, schien mir der etwas hilflose Blick der alten Frau zu sagen,  Mit den kleinen Kopfhörern und dem winzigen Mikrofon am schwarzen Kabel konnte sie nichts anfangen. Ich schaffte es nicht, ihr mit den Augen die Situation zu erklären.
Nach einer Weile stieg ein Mann ein, der trotz der Kälte keine Jacke trug. Er quetschte sich zu uns und begann zu reden. Die alte Frau sah mich noch hilfloser an. Dieses Mal blickte ich ein wenig traurig zurück. Der Mann war in diesem Augenblick das genaue Gegenteil der geschminkten Frau. Beide sprachen scheinbar vor sich hin. Aber während die Frau einen ganz konkreten Adressaten hatte, lachte und über Nichtigkeiten plauderte, redete der Mann mit niemandem Bestimmten, erzählte vielleicht von den Schwierigkeiten seines Lebens. Aber niemand hörte ihm zu.