Montag, 29. November 2010

"Hat die überhaupt Freunde?"

Um die Mittagszeit steigen in der Stadt überall Schüler ein. Viele Mädchen haben ihren dicken Ordner unter die Arme geklemmt und tragen locker einen Rucksack auf dem Rücken. Während die Bahn die Haltestellen abklappert, unterhalten sie sich.
"Die Sabrina ist so dumm!", sagte eines der Mädchen, das sich mir gegenüber gesetzt hatte, zu ihrer Nachbarin. "Ganz ehrlich, hat die überhaupt Freunde?"
Es ist schon erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit diese Frage scheinbar etwas über den 'Wert' eines Menschen aussagen soll, oder, in diesem Fall, sogar über die Intelligenz.
Das sind die Situationen, von denen ich gesprochen habe; die Situationen, in denen man insgeheim den Wunsch hegt, für den kurzen Augenblick, der einem dazu gegeben ist, in das Leben dieser Menschen einzugreifen, indem man den Mund aufmacht. Aber man tut es nicht. Es würde ja auch nichts nützen. Man kann diese Eindrücke nur sammeln und in manchen Fällen auch daraus lernen. Zum Beispiel eben das; dass man andere Menschen nicht ändern kann und auch nicht ändern darf.

Schneeball

Jeden Montag nehme ich zur gleichen Zeit die Bahn nach Hause. Eine Haltestelle, bevor ich raus muss, warten immer die Grundschüler, die Schulschluss haben.
Diese Woche kündigte sich ihr Eintreffen im Zug bereits durch die Schneebälle an, die sie gegen die Scheiben warfen.
Als die Türen sich öffneten, rannten die vorlauten Jungs zu zehnt auf einige Plätze zu und schubsten sich unter Geschrei gegenseitig davon weg. Ein kleines Mädchen im Schianzug schleppte sich weinend die Stufen hinauf, während die übrigen Kinder lärmend hineinstürmten. Die anderen Fahrgäste blickten kurz auf und widmeten sich wieder ihrer vorigen Beschäftigung.
Das weinende Mädchen flüchtete sich in die Arme der älteren Schwester, die ihr beruhigend zuredete und dabei die Reste des Schneeballs aus ihrem Kragen entfernte. Das kleine Mädchen drehte sich zu den Kindern um, die mittlerweile das gesamte Abteil in Beschlag genommen hatten und alle in ihre Richtung starrten. Wütend zeigte das Mädchen ihnen ungelenk den Mittelfinger. Man sah, dass sie das noch nie gemacht hatte und vor ihrer eigenen Geste zurückschreckte.
Als sie sich beruhigt hatte, sich von der Schwester löste und zu dem Sitzplatz ging, den ihre Freundin ihr freigehalten hatte, fragte einer der Jungs grinsend: "Und, ausgeheult?"
"Lasst mich in Ruhe, ihr ... dummen ... Wichser!", schrie das Mädchen und brach erneut in Tränen aus. Dann geschah etwas, das ich noch nie erlebt hatte. Alle Kinder in der Bahn begannen mit unglaublicher Übereinstimmung, das Mädchen auszulachen; nicht leise oder hinter vorgehaltener Hand, sondern schallend und direkt in ihr Gesicht. "Du bist so eine Memme!", rief einer der Jungs und die anderen stimmten ihm zu.
Man würde denken, dass Ausgrenzung immer irgendwie anders abläuft als die klischeehaften Szenen, die man in Filmen und vielen Büchern sieht. Man hat vielleicht, wie ich, seine eigenen Erfahrungen, wie das passiert. Aber man erwartet nicht, dass es tatsächlich auf diese frontale Weise geschieht, mitten ins Gesicht des anderen, völlig ohne Scheu, etwas dabei kaputtzumachen.
Noch bis ich ausstieg, lachten die Kinder über das Mädchen, das sich hinter ihrem Schianzug versteckte und nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Als ich die Bahn verließ, hatte ich gleichzeitig ein Gefühl der Erleichterung, wie auch den Drang, wieder hineinzugehen und etwas zu tun. Den Jungs vor Augen zu führen, was sie da taten. Dem Mädchen zu sagen, dass die Beschimpfungen nichts nützen. Aber ich wusste, dass das nichts nützen würde. Wenn man im Zug sitzt, wird man für einen winzigen Augenblick mit dem Leben anderer Menschen konfrontiert. Man kann für den Moment eingreifen, zumindest glaubt man oft, dass es möglich ist. Aber wenn dieser Moment vorbei ist, wenn man die Bahn verlässt, dann schließt sich die Tür zum Leben der anderen, und es wäre vermessen anzunehmen, dass man noch einen Einfluss hat.
So schlossen sich die Türen hinter mir und die Bahn fuhr davon, während ich durch die Scheiben sah, dass die Kinder noch immer lachten.

Das Band

Sie saßen nebeneinander, er sah aus dem Fenster, ihr Blick ruhte irgendwo zwischen dem Fahrkartenautomat und dem Boden. Neben ihnen standen Wanderrucksäcke.
"Schau mal", sagte die alte Frau zu ihrem Mann. Sie nickte mit einem müden Lächeln hinüber auf die andere Seite des Ganges.
"Was denn?", fragte der Mann und sah sich ungeduldig um.
Die Frau deutete auf ein Mädchen mit schwarzen Haaren, die ihr bis über die Augen hingen und fast nahtlos in die schwarz geschminkten Lider übergingen. Das Mädchen hatte sich auf dem Sitz zusammengerollt und drückte auf ihrem iPod herum.
"Bei ihr ist wohl das Band hängen geblieben."
"Was für ein Band?"
"Na, das Kassettenband", sagte die Frau lächelnd und deutete erneut auf das Mädchen. "Schau, sie dreht die ganze Zeit daran."
Die Frau beobachtete, wie das Mädchen das vermeintliche Kassettenband schob, der Mann blickte wieder aus dem Fenster. Es war, als hätte niemand etwas gesagt. Aber es sah so aus, als säßen die beiden plötzlich weiter voneinander entfernt.

Dienstag, 16. November 2010

Erfahrungen

Wir können unsere Kinder nicht vor bitteren Erfahrungen bewahren. Wir können sie nur lehren, diese Erfahrungen richtig einzuordnen und zu verarbeiten.

Vergessen.

Vergessen ist Segen und Fluch zugleich. Segen, weil der Mensch weitergehen kann und nicht in der Vergangenheit festhängt. Aber Fluch, weil er mit der ausschließlichen Augenblicklichkeit seiner Existenz konfrontiert wird - und dadurch mit der unüberwindbaren Vergänglichkeit.