Donnerstag, 28. Oktober 2010

Lästerei

Lästerei verletzt die Rechte der Menschen auf zweifache Weise. Die Person, von der schlecht gesprochen wird, kann sich nicht verteidigen, und der Person, die Zeuge der Lästerei ist, ist das Recht verwehrt, sich eine eigene Meinung zu bilden. 

Dienstag, 26. Oktober 2010

Dienstag, 5. Oktober 2010

Kein schönes Leben


„Na ja, ich sag mal, für den Kleinen is das halt kein schönes Leben, ne?“
Ich horchte auf. Es war früh am Morgen, die Bahn schlängelte sich gerade durch die von Frühnebel verschleierte Felderlandschaft.
„Mh“, machte der andere. Die beiden Männer unterhielten sich schon eine Weile, aber erst jetzt wurde ich auf das Gespräch aufmerksam. Sie standen irgendwo hinter mir, weshalb ich sie nicht sehen konnte.
„Und uns is das auch bewusst, als Eltern, das is halt scheiße, aber na ja ...“
Eine kleine Pause entstand. „Wie alt sind die jetzt eigentlich?“, fragte der andere.
„Also der Kleine is’ acht, der Große is elf. Is ja auch ein Wunder, dass er überhaupt elf geworden is. Da kann man schon froh sein. Selbst wenn der jetzt ’ne Lebenserwartung von dreißig oder vierzig hat. Die Ärzte sagen, dass er nich so alt wird, aber wir glauben das nich. Es kann halt sein, dass er bis vierzig lebt oder nur noch bis nächste Woche.“
Wieder eine Pause. „Ist schwierig, denke ich ... Also jetzt in der Familie ...“, sagte der andere Mann.
„Ja, wir ham jetzt schon der Tante gesagt, dass die den Großen nich so verhätscheln darf, aber trotzdem ... Wenn du selber mal Kinder hast, wirste das verstehen. Wir hoffen halt auch, dass der Kleine das später versteht, warum er immer ’n bisschen im Nachteil war so.“
Der Zug hielt an einer Haltestelle, ratterte dann weiter.
„Aber selbst wenn der älter wird, der Große“, erzählte der Mann weiter, „Ich mein, der muss jeden Tag aufpassen. Der muss immer blutverdünnende Mittel nehmen und so, darf halt fast nichts machen. Kicken, das durfte er lang auch nich, aber jetzt darf er’s wieder. Das is halt so sein Ding und da war er echt enttäuscht, als er’s nich durfte.“
Sie schwiegen jetzt sehr lange. Ich hätte gerne gewusst, zu welchem Gesicht diese Stimme gehört, die auf so einfache und unemotionale Weise über das Thema sprach.
Schließlich musste der andere Mann aussteigen.
„Also wenn du was brauchst, ruf an, du hast ja meine Nummer“, sagte er. Ich überlegte, dass das wohl die einzige Antwort war, die es auf so etwas geben konnte.
„Ja, danke“, sagte der andere Mann. Sie verabschiedeten sich und wenig später fuhr der Zug weiter. Ich beobachtete, wie sich vor mir in einer Sitzgruppe ein paar Jugendliche unterhielten. Ich wäre gern hingegangen und hätte ihnen gesagt, wie gut es ihnen geht.